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Das "Unsagbare" schreiben - Literatur nach Auschwitz

Diese Veranstaltung ist bereits abgelaufen!

Wann: 17.05.2017, 19:30 Uhr
Wo: ehemalige Synagoge, Darmstädter Str. 58, Bensheim-Auerbach
Veranstalter: Auerbacher Synagogenverien
Kategorien: Bildung, Freizeit, Lesung / Vortrag

Vortrag von Birgit Meurer, M.A. Martin-Buber-Haus, Heppenheim.

Die Referentin schreibt uns in ihrer Vorankündigung:

In seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ stellte Theodor W. Adorno die Behauptung auf, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch. Dies löste eine große Diskussion bei Schriftstellern und Lyrikern aus. Ist es unmoralisch, das „Unsagbare“ in Worte zu fassen?

Elie Wiesel hatte sich erst zehn Jahre des Schweigens auferlegt. Dann aber sah er es als seine Pflicht als Überlebender an, Zeugnis abzulegen und denen eine Stimme zu geben, die für immer verstummt waren. „Wir wussten alle, dass wir niemals, niemals das sagen könnten, was gesagt werden musste, dass wir unsere Erfahrung des absoluten Wahnsinns niemals in Worte fassen könnten, in zusammenhängende und verständliche Worte“. Elie Wiesel sah das Finden von Sprache als eine Form der Würdigung der Opfer an.

Primo Levi darf im Zusammenhang mit den schreibenden Augenzeugen und Literaten nicht vergessen werden. Der Titel seiner Erinnerungen „Ist das ein Mensch?“ ist nicht nur als rhetorische Frage gemeint. Was macht den Menschen aus und warum sehen die Peiniger die Gefangenen nicht mehr als Menschen an? Waren sie, die blind gehorsamen Wachen und Vollstrecker in ihrer Bestialität überhaupt noch als Menschen zu erkennen? Nach Jahren reflektierte Primo Levi noch einmal über das Grauen der Haft und kam für sich zu der bitteren Erkenntnis: „Nicht wir, die Überlebenden, sind die wirklichen Zeugen. Das ist eine unbequeme Einsicht, die mir langsam bewusst geworden ist, während ich die Erinnerungen anderer las und meine eigenen nach einem Abstand von Jahren wiedergelesen habe. Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit; wir sind es, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glücks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben“. Diese Aussage lässt seinen Unfalltod im April 1987 in einem anderen, tragischen Licht erscheinen.

Viele Überlebende schlossen sich der Zeugenschaft der beiden bekannten Autoren an und fanden ebenfalls Worte für das durchlebte Grauen. Anhand von Beispielen sollen auch weniger prominente Literaten und ihr Werk vorgestellt werden.

Birgit Meurer, M.A., ist regionale Bildungsreferentin des ICCJ im Martin-Buber-Haus in Heppenheim. Sie studierte Archäologie und mittelalterliche Geschichte in Würzburg, Erlangen und Tübingen und arbeitete für verschiedene Museen im In- und Ausland. Seit 2010 hat sie ihr Interesse für jüdische Geschichte und Literatur weiter vertieft.