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Jüdische Lutherlektüren vor der Shoah: eine tragische Liebesgeschichte?

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Wann: 09.05.2018, 19:30 Uhr
Wo: Ehemalige Synagoge Auerbach, Bachgasse 28, Bensheim
Veranstalter: Auerbacher Synagogenverien
Kategorien: Bildung, Kultur, Freizeit, Lesung / Vortrag

Vortrag von Professor Dr. Christian Wiese, Universität Frankfurt.

Seit der Aufklärung befassen sich zahlreiche jüdische Historiker und Philosophen mit Martin Luther und seinem Wirken. Ihre Ergebnisse sind oft grundlegend gegensätzlich. In seinem Vortrag geht es dem Referenten um die Deutung dieser so widersprüchlichen jüdischen Lutherrezeption in Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Zwei gegenläufige Tendenzen seien zu erkennen: „Neben einer Linie kräftiger Polemik gegen Luther und die Reformation, die sich von Ludwig Börne bis zu Leo Baeck zieht, bildet sich von Heinrich Heine bis Hermann Cohen eine auffällig positive Interpretation des Denkens Luthers heraus. Diese versteht ihn als Vorläufer von Aufklärung, Toleranz  und Gewissensfreiheit und als Brücke zwischen deutscher und jüdischer Kultur“. Bei Wieses Analyse „kommen auch jüdische Reaktionen auf die antijüdischen Schriften Luthers zur Sprache und ihr verzweifelt - beschwörender Versuch, den jungen Luther für eine Tradition von Toleranz in Anspruch zu nehmen und der antisemitischen Lutherdeutung der Zeit etwas Substanzielles zu entgegnen“.

Die Kontrahenten Ludwig Börne und Heinrich Heine, beide vom Pariser Exil aus schreibend, verkörpern beide Seiten der Argumentation: Börne sieht Luthers enge Bindung an die Fürsten als verantwortlich für den mangelnden Freiheitswillen der Deutschen und die Tradition der Hinnahme der Machtverhältnisse. Für ihn war Reformation “die Schwindsucht, an der die deutsche Freiheit starb und Luther war ihr Totengräber“. Anders Heine, der wohl Kritik an den schlimmen politischen Fehlentscheidungen Luthers übt, doch seine Charakterstärke bewundert, in der sich Gegensätzliches vereine: „Er war zugleich ein träumerischer Mystiker und ein praktischer  Mann in der Tat. Seine Gedanken hatten nicht bloß  Flügel, sondern auch Hände“. Ohne Luther wären, in Heines Sicht, Geistesfreiheit, Philosophie und Toleranz in Deutschland nicht möglich geworden. 

Professor Dr. Wiese ist Inhaber der Martin Buber-Professur für jüdische Religionsphilosophie an der J.W. Goethe–Universität Frankfurt a.M. An sein Studium von Evangelischer Theologie und Judaistik schloss sich eine vielfältige Lehrtätigkeit in Europa, USA und Kanada an.