Interview mit Prof. Hartmut Radebold

Unter dem Titel „Im Weltkrieg war ich noch ein Kind“ hält Prof. Hartmut Radebold am 6. Dezember in Bensheim einen Vortrag über die Folgen von Kriegserfahrungen bei Kindern und Jugendlichen. Radebold, 1935 in Berlin geboren, hat die Härten des Krieges selbst miterlebt. Später arbeitete er als Arzt für Psychiatrie/Neurologie, Psychoanalyse und leitete von 1976 bis 1998 den Lehrstuhl für Klinische Psychologie an der Universität Kassel. Er ist Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft Gerontopsychiatrie und –psychotherapie und Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse.

Im Interview gibt er interessante Einblicke in das Thema seines Vortrags in Bensheim.

Matthias Schaider: Herr Radebold, Sie beschäftigen sich mit dem Älterwerden in all seinen Facetten unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten. In Bensheim greifen Sie die Kriegserfahrungen bei Kindern und Jugendlichen auf. Warum ist dieses Thema heute so aktuell?

Prof. Radebold: Die Jahrgänge 1929 bis 1945 befinden sich heute zunehmend im  hohen Alter. Sie erleben jetzt verstärkt Bedrohungen in ihrem Leben und müssen Schicksalsschläge verkraften. In dieser Lebensphase sind dann alte traumatische Situationen plötzlich wieder da, denn das Unbewusste ist zeitlos und kann jederzeit aufbrechen.

Was kann der Auslöser dafür sein?

Man erlebt zum Beispiel Re- Traumatisierungen wie einen Einbruch oder Überfall, wodurch alte Traumata wieder aufbrechen können. Es genügt aber auch schon das Sirenengeheul oder ein Feuerwerk in einer spezifischen Situation und plötzlich sind die Erinnerungen als Trauma-Reaktivierungen wieder da. Für die jetzt häufiger werdenden Verluste fehlt oft die nicht gelebte Trauer der Kindheit. Anstatt dessen erstarren die Betroffenen depressiv.

Wie viele Menschen aus den angesprochenen Jahrgängen sind Ihrer Ansicht nach betroffen?

Etwa ein Drittel der damaligen Jahrgänge gilt nach heutigen Maßstäben als traumatisiert, 40 Prozent sind es nicht und bei einem Drittel muss man sehr genau und individuell hinschauen, ob und warum sie heutzutage im Alter beeinträchtigt sind. Ein sicheres Umfeld kann schon ein Grund dafür sein, dass ein Trauma nicht so intensiv aufbricht.

Sie selbst sind Betroffener?

Ich bin 1935 geboren und ein Großteil dessen, worüber ich in Bensheim rede, habe ich selbst erlebt.

Was waren das für traumatische Erfahrungen?

Mein Vater ist am 1. September 1939 eingezogen worden. Wie wir viel später erfahren haben, ist er seinen Verletzungen im Mai 1945 erlegen. Er war Arzt und während einer OP an der Front wurde das OP-Zelt angegriffen. Ich selbst habe 1943 die Bombardierung unserer Wohnung in Berlin erlebt. Wir wurden dann nach Berlinchen, östlich der Oder evakuiert. Meine Mutter war Lehrerin und wurde dienstverpflichtet, deshalb durften wir nicht flüchten. 1945 unternahmen wir dann in letzter Minute einen Fluchtversuch, wurden aber von der russischen Armee überrollt. Meine Mutter habe ich vor Übergriffen durch die Russen bewahren können. Nach dem Krieg sind wir wieder ins zerstörte Berlin zurückgekehrt. Mein Bruder ist erst 1947 schwer krank als Zivilverschleppter aus Russland zurückgekommen.

Wie sind Sie mit diesen schrecklichen Erlebnissen umgegangen? Als Psychoanalytiker haben Sie dazu doch sicher einen anderen Zugang?

Es ist ein großer Unterscheid, ob man gefühlsmäßig betroffen ist. Ich habe zwischen den Jahren 1985 und 2000 mit 19 Patienten, die zu dieser Zeit zwischen 50 und 60 Jahre als waren, gearbeitet. Da kamen insgesamt 5000 Behandlungsstunden zusammen. Mir wurde nach und nach klar, dass all diese Patienten Kriegskinder sind. Keines dieser Kriegskinder war sich darüber im Klaren, dass die Wurzeln ihrer jetzigen Verfassung in ihren Kindheitserfahrungen liegen. Sie haben erstmals getrauert und die Trauer nachgeholt. Und dann wurde auch mir schmerzlich bewusst, dass ich selbst Betroffener bin.

Was ist dann passiert?

Ich bekam eine mittelschwere Depression und mir wurde bewusst: Ich habe viele Jahrzehnte funktioniert und bin meinen Weg gegangen. Es ist ein oftmals sehr mühsamer, schmerzhafter und kummervoller Prozess, wenn einen etwas von früher wieder einholt. Ich habe viele Jahre nicht weinen können. Seit dieser Zeit kann ich weinen und gestehe es mir auch zu.

Herr Radebold, vielen Dank für das Gespräch.

Info:

Vortrag von Prof. Radebold am 6. Dezember, 19.30 Uhr, in der Stadtbibliothek. Veranstalter sind das Diakonische Werk Bergstraße, die Stiftung „DiaDem“, Stadt Bensheim und das Netzwerk Demenz. Der Eintritt ist frei.